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Hoffnung nach 27 Fehlversuchen

Siebenundzwanzig Fehlversuche. Siebenundzwanzig. Viele Gedanken. Viele Untersuchungen. Viele Tabletten. Nebenwirkungen. Ein Krankenhausaufenthalt.

Wofür? Um einen Termin beim Spezialisten zu bekommen. Damit der sagt, dass wir nahezu unfruchtbar sind.


20% ist die Wahrscheinlichkeit bei gesunden Paaren bei perfekten Bedingungen schwanger zu werden.

Unsere Einschränkung: Faktor 0,05 bei Masse, 0,05 bei Qualität, 0,005 bei Richtung und 0,005 bei noch einer Kategorie.

0,2*0,05*0,05*0,005*0,005=0,00000125% Wahrscheinlichkeit, dass es bei einem Versuch klappt. Anders: Wenn wir es 6,7 Mio Jahre lang jeden Monat versuchen, dann hätte es zwischendrin einmal geklappt. Bei den ersten siebenundzwanzig Mal halt nicht. Klingt gar nicht mehr so schlimm.


Unser begleitender Reproduktionsmediziner hat uns gestern alle Möglichkeiten sehr transparent erklärt, die uns medizinisch zur Verfügung stehen. Sobald ich eine Methode verstanden hatte, eröffnete er uns, dass das nicht für uns in Frage kommt. Das ging solange weiter, bis er zur letzten Option, der „ICSI“ (gesprochen: [iXi]), kam. Das ist die künstliche Befruchtung in der Petrischale.

Dazu müssen wir zunächst genetische Risiken aufdecken. Uns wurde ein Genetiker in Köln empfohlen. Dort werde ich heute noch für einen Termin anrufen.


Während der Arzt die Möglichkeiten aufzählte, wechselten meine Gefühle im Sekundentakt. Mein Mann und ich waren überein gekommen, dass wir uns langsam an weitere Optionen herantasten. Nun konfrontiert er uns mit diesen Fakten.

Ich denke. Wir sind unfruchtbar. Wofür waren die letzten siebenundzwanzig Zyklen? Geht uns die Methode zu weit? Oh, die ist mit unseren Voraussetzungen auch nicht möglich. Scheiße. Die nächste Methode geht noch weiter. Was denkt mein Mann? Der Arzt gibt uns ein Beispiel eines anderen Paares. Was will er damit sagen? Will er einfach nur plaudern oder war das ein rhetorisches Mittel. Ist das hier ein Verkaufsgespräch? Was will er verkaufen? Seine Leistung? Seine Meinung? Ist das ein Test? Können wir den Daten vertrauen? Ist das, was er vorgibt, wirklich das Beste für uns? Was bekommt er, wenn er den Kollegen empfiehlt? Was bekommt er, wenn er rät so viele und solange Eier einzufrieren? Hat er es nötig? Er sagt (sinngemäß, dass er keinen Internetauftritt hat, damit er keine Kunden bekommt, die seine Quote schwächen. Er spricht viel von Quoten und Vergleichbarkeit seiner Kollegen. Was will er verkaufen? Er erklärt die Methode sehr ausführlich. Er wirkt sehr kompetent und erklärt jeden Schritt so, dass ich ihn verstehe. Ich vertraue darauf, dass es mit seiner Unterstützung klappt. Er beschreibt nicht nur die medizinischen und biologischen Schritte, sondern spricht auch über soziale Aspekte. Was bedeutet der Schritt für die Partnerschaft. Wie gehen andere Paare damit um. Wie fühlen sich andere Männer in den verschiedenen Phasen.

Wie wird sich mein Mann fühlen? Was bedeutet es für unsere Partnerschaft? Welche Unterstützung erwarte ich in den Phasen, in denen nur ich beteiligt bin? Wird er sich überhaupt darauf einlassen?

Der Arzt schlägt verschiedene Möglichkeiten innerhalb der Methode nicht vor, sondern er gibt sie vor. Es wird einen Embryo eingepflanzt. Nicht drei, obwohl das die maximal gesetzlich mögliche Anzahl ist und auch nicht zwei, weil er eine Zwillingsschwangerschaft zu risikoreich findet. Ich weiß zu wenig über Zwillingsschwangerschaften und derer Risiken. Ich habe aus dem Bauch heraus nichts gegen Zwillinge. Es ist eventuell die einzige Möglichkeit, Geschwister in ähnlichem Alter zu bekommen. Mein Mann möchte erst mal nur eins. Ich möchte Geschwister für mein Baby. Ist das schon zu weit gedacht? Eigentlich sollte ich glücklich sein, wenn wir es wenigstens einmal schaffen.


Zum Vorgehen.

Nachdem der Genetiker uns bescheinigt, dass wir genetisch unbedenklich sind, - die Wahrscheinlichkeit liegt bei 85%-, machen wir den nächsten Termin beim Reproduktionsmediziner. Für den Genetiker haben wir zwei Überweisungen und zwei Beratungsbestätigungen mitbekommen. Letztere muss ich noch von meinem Frauenarzt unterschreiben lassen.

Danach beginnt ab Zyklustag 3 eine Prozedur aus Untersuchungen, die den Zyklus analysieren um dann (nicht den Short sondern) den Long Way des ICSI zu gehen. Dieser dauert 9 Wochen, anstelle von fünf in der Kurzversion. Vorteil der langen Version ist, dass die Wahrscheinlichkeit einer Geburt höher ist. Nachteile gibt es wohl neben den vier Wochen Zeitunterschied nicht.

Während dieser Phase werde ich mit Hormonen in Form von Nasenspray und Spritzen unter die Bauchdecke therapiert. An der Stelle habe ich die versteckte Kamera erwartet. Nasenspray- ehrlich?! Ja, Nasenspray.

Begleitet wird die Medikamentierung von zwei Blutuntersuchungen je Zyklus und Ultraschalluntersuchungen.

Der Tag der Ei-Entnahme beginnt 36 Stunden vorher mit einer besonderen Spritze um 23 Uhr. Am Tag selbst muss mein Mann spenden und mir werden mit Vollnarkose (Halbschlaf [< 10Minuten Eingriff]) mindestens acht Eier entnommen. Diese werden per Ultraschallgerät mit integriertem Sauger angezogen und in einer bestimmten Flüssigkeit gesammelt.

Vielleicht hält mein Mann meine Hand.

Dann gehen wir zur Arbeit und unsere Hoffnung zu den Biologen. Die müssen dann mit einer akkuraten Präzision den 3μm Samen im richtigen Winkel in das 150μm große Ei führen. Die Abweichung darf höchsten 3μm sein. Das klingt nicht einfach - mit meiner Feinmotorik kann ich noch nicht mal einfädeln.

Nach einem Tag sollten die beiden Elemente verschmolzen sein. Die Biologen sehen zwei eigenständige Kerne. Der eine ist der Eikern, der andere ist der aufgequollene Kopf des Samens. Die erfolglos befruchteten Eier kommen weg, die Eier, die eingepflanzt werden sollen (1-3 Stück) bleiben, der Rest wird eingefroren. Der Einfrier-Vorgang dauert 4,5 Stunden und kostet 450 €. Die Miete für die NaCl-Heimat bei -197°C kostet 130€ je halbes Jahr.

An Tag Zwei wird das Ei bei mir eingepflanzt. Zehn Tage später kommt der Schwangerschaftstest. Insgesamt hat er unseren Eigenanteil auf 2080,- gerechnet: 1500,- für ICSI, der Rest für das Einfrieren und für das erste halbe Jahr Miete. Gleichzeitig empfahl er mithilfe einer Erfahrungsgeschichte, nicht die Eier aufzutauen, bevor das Baby da ist. Da sind wir dann bei 2.210,- Eigenanteil.


Mein Mann und ich haben gestern Abend viel Nachgedacht. Einiges wurde erst nach einiger Zeit bewusst. Es ist ein komisches Gefühl, zu bedenken, dass ein Kind so entsteht. Mit Pipette. Mit fremden Menschen. Mit einer anderen Art von Vertrauen.

Später haben wir die Eindrücke, Sorgen und Gedanken ausgetauscht. Letztendlich haben wir uns darauf geeinigt, locker, neugierig und trotz aller Sorgen und Wahrscheinlichkeit mit Vorfreude den Weg gemeinsam zu gehen.


24.11.2015

3.12.15 08:00
 
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