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Sorgen nach 25 Fehlversuchen:

Heute ist Freitag. Nach fünfundzwanzig Fehlversuchen mit zahlreichen unterstützend wirken sollenden Methodiken, einigen Arztterminen und einem Krankenhausaufenthalt haben wir nun einen Termin bei einem Arzt für assistierte Reproduktion & Endokrinologie“. Ja, letzteres musste ich nachschlagen: „endokrin (gr.): nach innen absondernd, mit innerer Sekretion“1

Das ist ein Name.


Über das Telefon wurden bereits sämtliche persönliche Daten abgefragt, inklusive beider Krankenversicherungen. Das ist wohl gewichtig für die Art der Behandlung.

Gleichzeitig bekam ich eine Liste an Dingen, die mitzubringen sind: Angefangen von der Überweisung meiner Ärztin und des Arztes meines Mannes, bis hin zu jeglichen Befunden, die relevant sein könnten.


Übernächsten Montag ist es also soweit. Was soll ich erwarten?

Der Arzt meines Mannes hatte die Praxis empfohlen und gleichzeitig angedeutet, das dieser Mediziner seine Patienten spüren lässt, dass er es als persönliche Beleidigung empfindet, sollte es nach erster Beratung oder Behandlung nicht auf Anhieb gelingen.


In den optimistischsten Momenten schaue ich auf die Kalender, errechne, dass der Termin etwa an Tag Sechs des neuen Zyklus´ ist, und dass der aktuelle Zyklus noch mindestens vier Tage hat. Mit dem Optimismus hieße das, das der Termin überflüssig sein könnte. Bester Gedanke.


Übrig bleiben Pessimist und Realist. Die Zwei können sich nicht einigen, wie enttäuscht ich von dem Termin sein werde. Entweder gibt es eine peinliche Atmosphäre, in der der Arzt auf unangenehme Weise intime Fragen stellt. Oder er fragt gar nichts, monologisiert über die drei verschiedenen nächsten Schritte auf Fachchinesisch, empfiehlt einen und uns bleibt nichts übrig als zu nicken und leicht verwirrt die Praxis zu verlassen.


Meine Unterlagen habe ich zusammen. Die Überweisung, die Ergebnisse des letzten Bluttests, die Liste meiner Medikamente und den Zykluskalender. Letzteres ist seit zweiundzwanzig Monaten penibel gepflegt.

Mein Mann wird übernächsten Montag vor unserem Termin bei seinem Arzt die Überweisung holen. Vielleicht sollte ich ihm anbieten, da vorher anzurufen.


Ja, Männer und Frauen ticken anders. So auch mein Mann und ich. Während ich die biologische Uhr ticken höre, Tage, Monaten und Jahre hin und her rechne und sich per mensem mein gesamter Lebensplan anpasst, genießt er, dass wir angekommen sind. Er hat Geduld und weiß, dass alles seine Zeit braucht. Er braucht keinen Fixpunkt in der Zukunft, auf den er zuarbeitet.

Ich habe Ziele, er hat Wünsche oder Ideen, wie es mal aussehen könnte.

Natürlich will ich geduldig sein. Ich weiß auch, dass es immer einen nächsten Monat gibt. Aber ich will jung sein, wenn ich dem Kind auf dem Spielplatz hinterherrennen muss. Ich will auch noch jung sein, wenn ich dem nächsten Kind hinterherrennen muss. Ich will nicht Mitte bis Ende vierzig sein, wenn mein jüngstes Kind in der Grundschule ist. Ich möchte wenigstens ein paar Jahre alle meine Kinder unter einem Dach versammelt haben. Und die Große wird doch schon zehn.

Ich möchte, dass mein nächstes Kind kein Einzelkind ist. Und ich möchte noch jung genug sein hinterher meine Karriere fortzusetzen.


Schuster bleib bei deinen Leisten! Momentan ist der einzige Wunsch, auf den ich mich fokussieren sollte, überhaupt fähig zu sein, schwanger zu werden.


Auch ein Gedanke, den mein Mann weniger zu zulassen scheint, ist, was passiert, wenn es immer noch nicht klappt. Auch nächstes Jahr nicht. Und nicht übernächstes Jahr.

Dass alles, was dann möglich ist, auch wieder Jahre der Vorbereitung und Durchführung braucht, ist für ihn momentan belanglos.


Ich werde immer noch regelmäßig depressiv. Das hält – je nachdem wie sehr ich es ausleben darf – zwei bis drei Tage an. Wenn die Phase vorbei ist, ist alles wieder gut. Nur beim letzten Mal folgten darauf drei Tage Kopfschmerzen . Hoffentlich war es aus einer Erkältung heraus. Mein

Mann kann es nicht nachempfinden. Er versteht es nicht, aber er steht mir zur Seite. Er hat auch verstanden, dass Aufheitern die Depression nur verschiebt und nicht bessert.

Meine größte Angst ist, dass er mich für verrückt oder krank hält. Er soll dabei sein. Er soll miterleben, was ich erlebe. Er soll verstehen, welchen Weg ich gehe.

Er hat gefragt, wann es denn wieder losgeht. Ich fand es doof, in den Tagen `davor` alleine zu sein und zu bangen und zu hoffen. Jetzt bangt und hofft er nicht mit, sondern hat Angst vor meinem nächsten Tiefpunkt.

Er hat zu viel Angst und Furcht davor, wie uns ein nächstes Kind verändern wird. Welche Freiheiten bleiben dann noch? Welche Erwartungen sind erfüllbar? Erwartungen.


Vielleicht hätte er weniger Angst, wenn ich weniger Erwartungen hätte. Am Liebsten möchte ich die Elternzeit gerecht aufteilen. Ich möchte richtig arbeiten. Ich möchte auch alle elterlichen Aufgaben gleichmäßig verteilen. Ich möchte, dass er genau so sehnlich schwanger werden will, wie ich es tue. Ich möchte, dass er mit mir darauf zu arbeitet. Nicht damit er Erwartungen erfüllt, sondern, weil er es will. Ich will, dass er später die Windeln wechselt. Nicht, weil da plötzlich ein Baby ist, um das sich gekümmert werden muss, sondern, weil das die Konsequenz aus seinem Wunsch ist.

Tadaa! Da sind meine Erwartungen.


Wir lieben uns sehr. Wir beide würden unsere Lebensplanung dem Wohl unserer Beziehung anpassen. Hat er es schon getan?



17.10.2015

1Das Moderne Fremdwörter Lexikon, Naumann & Göbel Verlagsgesellschaft mbH S. 150

2.12.15 08:00
 
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